Antwort auf: Heute habe ich mir folgenden Film angesehen…. (2017)

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DerSchweiger
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@derschweiger

Babylon Berlin S01/E01+02

Ich muss zugeben, ich bin mit ein wenig Magengrummel an die erste Folge herangegangen. Deutsche TV-Events stehen bei mir nicht unbedingt im Ruf, gute Unterhaltung zu sein.
Was mich jedoch ohne großes Zögern auf „play“ drücken ließ: Kein Schweiger, kein Schweighöfer, kein Liefers, kein Rohde, keine Neldel, keine Herfurth, keine Berben, keine Makatsch (ja gut, hier eigentlich ein wenig schade)… hach, es könnte doch immer so schön sein!

Stattdessen sehen wir Volker Bruch und Liv Lisa Fries in tragenden Rollen. Schön anzusehen, authentisch und unverbraucht. Mut zum Schmutz, Ekel und ungeschminkter Wahrheit. Dazu Severija Janusauskaite, die als „Dietrich Double“ eine großartige Szene hat.

Komissar Rath wird aus Köln nach Berlin geschickt, um dort einen Erpressungsfall zu lösen, der einige politische Brisanz inne hat. Gemeinsam mit seinem Berliner Kollegen Wolter startet er die Ermittlungen. Sein kriegsbedingtes Trauma wird mit Morphium betäubt, was er nach einem Zwischenfall vor der Gelegenheitshure Charlotte, die tagsüber im Polizeirevier Archivierungsarbeiten übernimmt, nicht lange verheimlichen kann. Eine (möglicherweise) folgenschwere erste Begegnung im Flur des Reviers deutet ein späteres Zusammeentreffen an, lässt aber in den ersten zwei Folgen noch keine „Wahrheiten“ folgen.

Optisch ein leckerbissen, darstellerisch auf der Höhe und inhaltlich muss man sich (Wunder gibt es doch!!) vor internationen Formaten nicht verstecken.
Crime, Suspense, Sex (derbe, zügellos aber auch nicht Mittel zum Zweck), Korruption, dazu ein arg undeutsches Instrument, die Protagonisten nicht als strahlende Wunderwesen in einer Welt voll Zorn und Ungerechtigkeit wirken zu lassen. Angereichert wird das Bild der Weimarer Republik mit einer Anti-Staliistischen Bewegung (fiel der Name Trotzki?), deren Arme nach Berlin reichen und (soweit noch unbekannt), hier ihren Teil in der Geschichte erzählen werden.

Dass das Auflösen des Erpressungsfalls kein leichtes Unterfangen werden könnte, lässt sich bald vermuten – wohin man den Zuschauer letztlich auf die Reise nehmen möchte, bleibt dank langsamer und doch intensiver Erzählweise noch ein wenig im Unklaren (klar, man hat Vermutungen…).

Eine Serie, die so undeutsch geschrieben und umgesetzt wird, dass es beim Zuschauen eine wahre Freude ist!
Hinzu kommen frische, teils unverbrauchte Gesichter und der fehlende Fokus auf DEN/DIE Hauptfigur der Serie.
Klar, das mag dem einen oder anderen fehlen – mancherorts wird geschrieben, dass die Serie den Zuschauer emotional nicht abholen kann -> das kann sein. Würde Rath oder Charlotte in Folge drei sterben, wäre es mir schnurz, die Story, die Bilder und die Charaktäre sind zu vielzählig und teils erstaunlich detailiert, dass es auch ohne einen von beiden gut weitergehen könnte.

Hier wird kein neues Serienformat erfunden, auch Filme und Serien zu Zeiten der Weimarer Republik gibt es zu Hauf, und doch sticht „Babylon Berlin“ aus dem Brei einheitlich formatierter Serien“hits“ der jüngeren Vergangenheit heraus, weil es eben jene Rezepte konterkariert und den Schmutz und das Erwachen des Verruchten zu jener Zeit nicht bloß anhand von Gebäuden und dunklen Gassen einzufangen wagt, sondern die Darsteller eben jene Szenarien erleben lässt.

Möglicherweise begünstigt mein grundsätzliches Interesse an jener Zeit mein Sehvergnügen, vielleicht feiere ich die Serie auch übergebühr, weil mich die deutsche TV und Kinolandschaft (mit wenigen Ausnahmen) mehr zornig als gleichgültig zurücklässt, aber die Serie ist durchaus einen Blick wert.
Lange nicht eine solche Vorfreude auf die nächste Folge gehabt (und nein, Walking Dead bildet hier wahrlich keine Ausnahme mehr :( :( ).

8,5 (oder 9?)/ 10