Antwort auf: Heute habe ich mir folgenden Film angesehen…. (2022)

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DerSchweiger
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@derschweiger

Martyrs (original + Remake)

So bin ich manchmal – eigentlich hatte ich mit dem Genre abgeschlossen (siehe „I spit…“), dann wedelt da eine Werbung für „Martyrs“ auf Channel XY rein und schwups hat man mich am Haken.
Zugegeben geistert der Titel schon Jahren um mich herum. Einige Bekannte kamen immer wieder auf Titel wie „Frontiers“ oder „Guinnea Pig“ zurück um dann mit „Martyrs“ abzuschließen.

Bei Filmen mit solchem Ruf habe ich nicht immer gute Erfahrungen machen können – „A Serbian Film“ bleibt für mich zeitlebens Hassobjekt und in diesem Fall verbiete ich eine Diskussion mit mir über die Kunst, Politik in Filme zu transportieren o.ä. – „Die letzten 120 Tage von Sodom“ war ebenfalls ein Schlag in die Magengrube, den ich dreimal unterbrechen musste. (Hier hingegen bin ich – wie zu sonst jedem anderen Film auch – über jede Diskussion zu haben).

Nun sagte man mir also, „Martyrs“ ist der härteste Sch*** den man sehen kann. Puh… ich alter Mann, ob ich das verkrafte?
Vorweg: Ich konnte :)

Habe ich mich zuvor über schreckliche Schnittfassungen bei „I spit…“ ausgelassen, muss ich das im Grunde auch hier machen. Ohne jedwede Hintergrundinfo ging ich (naiv) davon aus, dass der Film so ziemlich komplett laufen würde.
Die Schnitte im Film sind aber derart gut gesetzt, dass ich (unwissender) es nicht bemerkt hatte.
Ein Blick auf Schnittberichte sagte mir dann aber, dass knapp 6 Minuten fehlen… hui!

Zur Hanndlung kann man im Grunde wenig sagen, wenn man nicht das Ende ansprechen möchte.
Ohne auch nur einen Hauch davon zu ahnen, um was es denn geht, war ich eine zeitlang auf dem falschen Fuß erwischt worden. Auf einen krankhaften Kampf mit Dämonen hätte ich nicht allzuviel Lust gehabt, was im Anschluss offenbart wurde, war aber zugegeben auch keine leichte Kost.

Die nachträgliche Recherche zum Film war beinahe spannender als der Film an sich – von „Sowas hat die Welt nicht gebraucht“ über „öder und langweiliger Torture-Porn“ bis hin zu „philosophischem Meisterwerk“ ist jede Meinung vorhanden und jede wird bis aufs Blut bekämpft/verteidigt.

In der Summe war der Film für mich unangenehmer anzuschauen als z.B. „Hostel“, wirkt in den letzten Momenten auch tatsächlich beinahe wie ein Kunstwerk (was „Hostel“ zu keiner Sekunde ist).
Letztlich konnte bei mir aber nicht der Funke überspringen. Dass mir im Film die finale Folterszene fehlt kann ein schlagendes Argument sein – möglicherweise auch nicht.
Der Film hinterlässt ein unangenehmens Gefühl nach Filmende, dass ich bei anderen „Torture“ Machwerken meist nicht empfinde. „Ghostland“ war für mich eindringlicher, vielleicht weil dort immer noch der Funke Hoffnung über allem schwebte – bei „Martyrs“ war es eben jene Hoffnungslosigkeit, die es ab der Hälfte des Films jede Sekunde mit sich trägt.

Final: Macht es den Film gut, wenn man die letzte Szene (bzw. einen Suizid davor) beinahe philosophisch diskutieren kann, obgleich es schlicht um langanhaltende Folter geht? Es hebt die Diskussionen zumindest auf ein anderes Level. Die hier angeführte Motivation, das Leiden Weniger in Kauf zu nehmen, um möglicherweise eine Beitrag für alle Anderen zu leisten ist natürlich harter Tobak.
Tatsächlich begibt sich der Film in dieser Motivation auf die Erzählebene eines Clive Barker – zumindest hätte ich mir in seinen frühen Werken ein solches Thema sehr gut vorstellen können. Nicht nur optisch hat mich der Film einige Male an „Hellraiser“ denken lassen.

Das Remake habe ich dann einen Tag später angeschaut. Im Erzähfluss ist er über lange Strecken identisch zum Original, bietet hinten raus dann aber andere Motive der Gewalt und Folter.
Ist das gut? Keine Ahnung, es ist anders und in der Struktur spürbar amerikanischer inszeniert.
Das macht ihn dann auch eher wenig diskutabel und lässt ihn gefühlt als Einheitskost des Gewaltfilms abtun.

Kann ich bei Filmen wie „I spit…“ noch über einen gewissen Grad an Unterhaltung sprechen, kann ich das hier nicht wirklich behaupten.
Da ich ihn nur Cut gesehen habe, kann ich nicht sagen, wie es sich beim Uncut-Sichtung verhalten hätte… So war es OK, den Film gesehen zu haben.
Vermutlich war es der Schauplatz des Geschehens, der mich dann final entrücken ließ – es mutet in der Mitte des Films ja an, als sei man bei Superhelden zu Hause und würde versehentlich die Tür zum geheimen Labor öffnen oder so… na ja.

„Martyrs“ hat sich seinen Ruf offensichtlich verdient, denn anders als andere Gewaltepen spielt er mit der Frage nach dem höheren Sinn. Ob das gefällt oder nicht, ist nunmal ansichtssache.
Ich glaube, ich kann denjenigen folgen, die ihn für äußerst wertvoll betrachten, verstehe aber auch vollends diejenigen, die ihn als krankes Machwerkt bezeichnen.
Sprachlos bin ich vielleicht bei denen, die ihn als gewaltarm titulieren…

Tja, viel Lärm um nichts hier – interessant wäre zu wissen, wie andere hier über den Film denken.
Für mich zum Schließen einer „Bildungslücke“ gut genug, aber die philosophische Ebene des Films hat mich beim Betrachten doch nur kurz berührt.
Vielleicht wichtiger innerhalb seines Genres wie „schlichte“ Gewaltexzesse, aber für mich wahrlich nicht ansprechend genug, um lobend darüber zu sprechen.

4/10