Heute habe ich mir folgenden Film angesehen…. (2026)

Homepage Forum Community Small Talk Heute habe ich mir folgenden Film angesehen…. (2026)

Dieses Thema enthält 45 Antworten und 6 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von Profilbild von DerSchweiger DerSchweiger vor 1 Stunde, 45 Minuten.

Ansicht von 46 Beitrag (von insgesamt 46)
  • Autor
    Beiträge
  • #257539
    Profilbild von DerSchweiger
    DerSchweiger
    Community Mitglied
    Beiträge: 860
    @derschweiger

    Hamnet [Sneak Preview]

    Die Scheinwerfer tauchen in die dunkle Landstraße und trotz der Aussicht auf die kargen und kalten Felder fühlt man sich beschwingt. Tänzelnd im Fahrtwind räkelen sich die Abgasse des Wagens in der frierend kalten Luft. Die Lichter der Stadt laden ein, grüßen freundlich und versprechen, dass nun wieder alles gut ist.
    Wochenlang in kleinere Säle gesteckt kam es dieses Mal zur Rückkehr in den Saal 6. Ein herzliches Hallo am Einlass, ein beinahe überschwengliches High-Five an der Snackbar. Wieder ein schöner Plausch mit den Kinofreunden vor dem Filmstart und eingepackte Schokolade, die mir während des Films angeboten wurde. Ob ich etwas davon haben möchte? Danke, nach den Nachos nehme ich gerne ein Stück, sagte ich dann.
    Doch die Hoffnung ist manchmal nur ein Blatt im Wind, und fliegt einen wilden Tanz hin und her. Mit etwas Pech, sieht man es niemals zu Boden fallen. Nach 20 Minuten verabschieden sich die Freunde – für so einen Quark hat man heute nichts übrig – und mit ihnen ging auch die versprochene Schokolade… Wäre es doch bloß das einzige Drama des Abends gewesen.

    England, irgendwann Ende des 15. Jahrhunderts. Ein junger Mann muss für die Schulden des Vater gerade stehen und gibt den Kindern des Gläubigers Unterricht. Öde, die sind so dumm! Er schaut aus dem Fenster, sieht eine Frau, rennt zu ihr und will alsbald ran an den Speck. Weil sie nichts Besseres zu tun hat (hätte sie zwar schon, aber man ist auch zu dieser Zeit Rebell) sagt sie „Ja“. Will ist spitz und müsste sie eigentlich heiraten, um so richtig ran zu kommen. Er erklärt ihr das Dilemma, denn die Eltern beider Liebenden würden dies nicht gutheißen.
    Zum Glück hat sie eine Idee und wird postwendend schwanger. Fall gelöst? Ja.
    Der Ehe folgen drei Kinder. Will, der gerne Geschichten schreibt, fühlt sich aber unglücklich. Um das nötige Geld für den Unterhalt zu verdienen, soll er handwerklich tätig werden. Igitt, so geht das nicht.
    Alkohol wird sein treuester Zuhörer, Agnes – seine Frau – fühlt seinen Schmerz. Und so schickt sie ihn nach London, wo er Geld erwirtschaften soll. Frei im Geiste, Geschichten erzählend, spielend – die Familie gelegentlich besuchend.

    Und während in London die Pest tobt, stirbt jemand zu Hause.
    Agnes tobt, wo war Will! Will ist untröstlich, geht zurück in die Stadt (die Trauer zahlt das Leben eben nicht), Agnes ist von Sinnen.
    Dann, nachdem sie ihre Ehe aufgegeben hat, erfährt sie von einem Schauspiel, dass Will geschrieben hat. Sicher eine dieser Komödien, für die sie keinen Sinn hat. Ihr Bruder überzeugt sie aber, sich das Stück anzuschauen…

    Über „Hamnet“ hatte ich schon das Eine oder Andere gehört und war gut 90 Minuten lang darüber überrascht, dass die Geschichte hinter Will beinahe geheim gehalten werden will. Zwar verrät er sich dem Zuschauer bereits in den ersten Minuten, das große „Oho“ erfährt der Zuschauer dann aber erst zum Ende hin.
    Das ist durchaus ok, die Story will ja im Grunde etwas anderen erzählen… dachte ich.

    Es gibt diese Filme, die von Sekunde eins an laut in den Saal brüllen, dass sie Kunst sind und unbedingt als Kunst betrachtet und bewertet werden wollen. Eine Frau im roten Kleid (sie trägt im Film nichts anderes) liegt im grünen Wald an einem alten Baum. Dort klafft ein tiefes Erdloch – dunkel und bedrohlich tönt die Filmmusik an diesem Ort.
    Etwas Schweres liegt in der Luft. Ist es die Bürde der Frau, die allerorts als „Tochter einer Waldhexe“ gerufen wird?
    Sie liebt die Natur, fühlt sich ihr verbunden und findet dort ihren Frieden.
    Will und die Familie „zwingen“ sie aber in ein Haus. Die tragende Kraft der Liebe erlischt und wird einzig durch die Kinder aufrecht gehalten. Wie einst ihre Mutter ihr alles über Kräuter und Düfte der Natur beibrachte, ist sie nun Lehrerin der Kinder.
    Jede Szene wird minutenlang ausgeschöpft. Bildgewaltig, dröhnende Musik im Hintergrund, und der Film schreit „Kunst!“.
    Erzählerisch hat „Hamnet“ nichts zu bieten. Geschaffen werden wohl drei oder vier Kernszenen, um die sich das Drehbuch kreist. Man verlässt sich darauf, dass sie in ihrer „Wahrhaftigkeit“ den Zuschauer über alle Längen des Films hinweg tragen lässt. Sie sind ein Schrei, ein Ausrufezeichen! „Seht – das wird noch wichtig!“.
    Und tatsächlich geschehen Dinge, die den Ton des Erzählten brechen. Führten die Bilder, die von unheilvollen Klängen begleitet wurden, nun in eine Geistergeschichte?
    Man möchte es uns erzählen und leider auch, welches Werk Will in London, umgarnt von Trauer, geschrieben hat.

    „Sein, oder Nichtsein“ weint er, an einer Klippe stehend. Dunkel liegt das Wasser der Themse vor ihm – ein Schritt, und es wäre getan. Drama, ruft es. Drama, spielt es. Drama, klingt es. Und doch sind diese Szenen seltsam verzerrt.
    Das Ding an der Kunst ist, dass sie gefallen will, auch wenn sie vorgibt, es nicht zu wollen.
    Kunst kann hässlich sein, den Betrachter verletzen oder verärgern. Und doch will sie gesehen werden.

    Dieser Film ist Kunst im wahrsten Sinne. Keine Erzählung, einzig ein Gefühl – dieses Gefühl, wenn man zahlreiche Emotionen in einen Topf schmeißt und sie vermengt.
    Und nun, wo wir das wissen, erkennen wir das Dilemma: Der große Knall am Ende ist das Ziel. Alles führt alleine hierhin – jedes Wort, jedes Lächeln und jede Träne zuvor sind nur abgegeben worden, um hier die Summe des Ganzen betrachten zu können.
    Was hier im Londoner Freilufttheater etwa 20-30 Minuten lang gezeigt wird, ist allergrößtes Kino! Bildgewaltig, schauspielerisch on Top. Die Inszenierung ist eine reine Wucht und zeigt die große Kraft der Kunst.
    Die Wunder, die eine Geschichte auslösen kann.
    Jessie Buckley verdient alleine für ihr Schauspiel inmitten der Menschenmenge einen Oscar! Joe Alwyn – eine kleine Nebenrolle im Film – spielt die, dem Schauspiel titelgebende Hauptfigur, als ginge es um sein Leben. Wer war doch gleich Will?… Paul Mescal?… ab hier könnt ihr ihn vergessen. Eine Nebenrolle wird zum Star, trägt ein Kunstwerke aus der Werkstatt ins Rampenlicht, begeistert die Menge und weiß zu bewegen.

    Hier gibt es auch das innigste (vielleicht weil einzige?) Zusammenkommen von Will und Agnes, obwohl sie sich auf einer jeweils anderen Seite der Erzählung wiederfinden. „Sieh mich an!“
    Die Statisten in dieser Szene fügen sich wie im Guss in die Szenerie ein. Agnes sticht farblich in ihrem roten Kleid hervor, die übrigen Menschen neben und hinter ihr durch Gefühl und Hingabe.
    Das Bühnenbild, das zuvor eher beiläufig in eine Szene eingebaut war, wird zu einem Portal für Agnes und die Kinogäste.
    Und wenn der Vorhang fällt, darf kein Auge trocken sein – so will es der Film und so arbeitet er hartnäckig darauf hin.

    Nehmen wir also diese 30 Minuten, dann sind wir irgendwo bei 10 oder 11/10. Kein bisschen weniger.
    Das große Drama hinter diesem Drama aber ist der Film in den 90 Minuten davor.
    Ziellos verlieren sich die (wirklich meist wunderschönen Bilder und Kameraeinstellungen) Abschnitte des Films. Dabei will man vorangegangenes Aufgreifen und es bedeutsam auf ein neues, künstlerisches Niveau heben.
    Die Sehnsucht nach der Natur und das Haus als Gefängnis – hier wächst großes Unglück.
    Leider auch in erzählerischer Weise. Timing und Tonalität sind ein wildes Durcheinander.

    Will, der große Dramaturk, der Welten mit seinen Worten schaffen kann, wird als Witzfigur eingeleitet. Agnes, die naturverbundene Schönheit als Flüchtige vor gesellschaftlichen Konventionen ist der berechnende Gegenpart. Liebe will gezeigt werden. Liebe soll durch den Wald und die Zimmer des Hauses wehen… wir glauben, es zu sehen – doch Bild, Ton und Regie möchten es nicht konkretisieren.

    Ich mag es im Grunde, wenn sich Dinge Zeit nehmen und nicht alles Offensichtliche ausgesprochen werden muss. Hier schlägt man aber einen merkwürdigen Weg ein, es darzustellen. Die Liebe wird zum Klamauk, das Drama grenzt stellenweise an Fremdscham, der Tod grüßt in seiner Optik die erste Staffel von Stranger Things.
    Man kann es natürlich mögen. Und natürlich mag ich „Hamnet“ wegen der prachvollen Bilder. Und doch zeigt er zu viel von dem, was nicht gezeigt werden braucht. Erzählerisch zu dünn für das, was hier hinter gehaltvollen Bildern versprochen wird.
    Und letztlich die Erkenntnis, dass alles zuvor nur einen einzigen Grund hatte: „Bitte weinen!“ Nicht subtil, nicht verspielt – mit Pauken und Trompeten. Dabei möchte man auch gerne vergessen, worum es im echten Stück des Künstlers geht, das hier aufgeführt wird.
    Retten wird sich der Film damit, indem man die Deutung des Stücks aus Agnes Sicht interpretieren lässt.
    Die Frau eines der größten Künstlers der Menscheit, so will uns die Geschichte erzählen, hat keinerlei Sinn für Erzählung vs. Wirklichkeit, Theater, Schauspiel und den gespiegelten Gefühlen, die hieraus hervorgehen.
    Dieser Aspekt rettet über gewaltige Schwächen in den beiden ersten Dritteln möglicherweise hinweg – kann sie aber nicht vertuschen.

    „Hamnet“ schreit Kunst und die Academy findet Gehör. Nominiert für 8 Oscars wird man sicher den einen oder anderen mitnehmen.
    Tatsächlich wäre ich arg verwundet, wenn Buckley keinen Preis hierfür erhalten würde…. aber bei den Oscars liege ich ja jedes Jahr gründlich daneben ;)

    Eigentlich 6/10, aber das Finale ist dann doch genau das, was ich mir vom Kino erhoffe.
    7/10, auch weil ein dünner Groschenroman selten so schön gezeichnet wurde.

Ansicht von 46 Beitrag (von insgesamt 46)

Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.